Naomi Bromley und Natan Torche stammen aus der Westschweiz, David Roth aus der Deutschschweiz. Alle drei haben im vergangenen Jahr erfolgreich ihre Berufsausbildung abgeschlossen – und sie haben ein gemeinsames Ziel: erste Berufserfahrungen im Ausland zu sammeln. Ihr Weg führte sie nach Seoul in Korea, weit weg von ihrem vertrauten Umfeld und ihren Liebsten.
Während ihres Aufenthalts durfte ich die drei jungen Kreativen begleiten, ihre Arbeit miterleben und gemeinsam mit ihnen spannende Ideen umsetzen. In den vergangenen sechs Monaten haben wir viel erlebt und gemeinsam gesteckte Ziele erreicht. Im Gespräch erzählen Naomi, Natan und David, wie sie ihren Aufenthalt in einem fremden Land und einer ganz anderen Kultur erlebt haben – und was von dieser Zeit geblieben ist.
Ein Projekt wie dieses erfordert eine sorgfältige Vorbereitung. Wie hast du dich auf deine Zeit in Korea vorbereitet? Mit welchen Erwartungen bist du nach Seoul aufgebrochen?
Naomi: Bevor ich nach Korea kam, habe ich viele Dokumentationen über das Leben in diesem neuen Land, über seine Küche und seine Kultur geschaut. Ausserdem habe ich einige Tipps recherchiert, wie man einen so langen Flug von der Schweiz gut übersteht – kleine Tricks, um sich die Zeit zu vertreiben und weniger nervös zu sein. Meine einzige Erwartung bei der Ankunft war eigentlich, mich komplett ausserhalb meiner Komfortzone zu fühlen. Ich rechnete damit, dass dieses Land sich in jeder Hinsicht stark von der Schweiz unterscheiden würde.
Natan: Ich habe viel recherchiert – vor allem durch Dokumentationen und im Internet. Gleichzeitig wollte ich nicht alles im Voraus wissen, um Raum für Überraschungen zu lassen.

David: Für die Arbeit als Grafikdesigner am Schauplatz Magazin informierte ich mich über verschiedene Elemente. Ich lernte das Hangeul (die koreanische Schrift), um mich bei der Gestaltung einfacher zu orientieren und habe mir Inspiration zu Magazinen oder interessanten Gestaltungen angeschaut.
Wie hast du deine ersten Tage in Korea erlebt? Welche Eindrücke sind dir besonders in Erinnerung geblieben?
Natan: Eine endlose, riesige Stadt – und trotzdem sehr angenehm. Mit all den Cafés und den grosszügigen Freiflächen fühlt man sich nie eingeengt.
Naomi: Meine ersten Tage in Seoul waren intensiv. Die Gerüche waren neu, die Geschmäcker, die Unterkunft – eigentlich alles. Vor allem aber die Landschaft der Stadt: riesige Gebäude, so weit das Auge reicht, und ein unaufhörliches Tempo. Am Anfang fragte ich mich, ob ich mich jemals daran gewöhnen würde. Ich fühlte mich wie eine Ameise in einer Welt voller Riesen.
David: Schon bei der Ankunft am Flughafen in 인천Incheon ist mir aufgefallen, wie Koreaner ein kollektives Gedächtnis haben. Ich sah, wie ein Mann ein Stück Abfall vom Boden aufnahm, das nicht er verloren hatte. Auch wurde mir sofort beim Busterminal geholfen und erklärt.
War Korea so, wie du es dir vorgestellt hattest? Was hat dich am meisten überrascht?
Naomi: Nach ein paar Wochen merkte ich, dass mich diese Stadt mit ihren hohen Gebäuden gar nicht mehr so beeindruckte. Stattdessen begann ich, die kleinen, versteckten Dinge wahrzunehmen. Besonders die Freundlichkeit der Menschen fiel mir auf – sie überraschte mich immer wieder, auch wenn unsere unterschiedlichen Sprachen manchmal die Kommunikation erschwerten. Ich war auch überrascht, wie sehr mir diese Kultur gefiel: ihre Rücksichtnahme, ihre Regeln und der respektvolle Umgang miteinander. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, einen Teil der Schweizer Kultur wiederzuentdecken – nur auf eine ruhigere Art. Insgesamt fühlte ich mich viel weniger fremd, als ich erwartet hatte. Je länger ich blieb, desto mehr Gemeinsamkeiten mit der Schweiz entdeckte ich, was mich überraschte und gleichzeitig berührte.
Natan: Ja, Korea ist genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Am meisten überrascht hat mich, wie offen und herzlich die Menschen sind. Oft sprechen sie einen einfach auf der Strasse an, nur um ein Gespräch zu beginnen.
David: Oft werden gewisse kulturelle Eigenschaften in der Vorstellung zu fest gewichtet, während sie in Wirklichkeit völlig unterschiedlich vorkommen. So würde ich sagen, dass zum Beispiel die Wichtigkeit des Höflich Seins oder das freundliche Verhalten gegenüber Kundschaft sehr stark variiert, je nach dem, wo und wann man sich befindet. Man kann ja auch nicht sagen, dass alle Schweizer «so» sind. Jedes Restaurant, jeder Mensch, jedes Viertel ist unterschiedlich.

Was hat dich an Korea am meisten beeindruckt? Was wird dir besonders in Erinnerung bleiben – vielleicht sogar als persönliches Highlight?
Natan: Jede Begegnung mit Einheimischen. Es waren magische Momente, in denen wir trotz Sprach- und Kulturbarrieren gemeinsam lachen und so viel teilen konnten.
Naomi: Was mir am meisten geblieben ist: Freundlichkeit und Offenheit sind nicht von der Sprache abhängig, sondern von der Bereitschaft der Menschen. Ausserdem habe ich gelernt, dass man selbst in einer lauten, überfüllten Stadt immer Orte der Ruhe finden kann – und dass auch der eigene Geist dort zur Ruhe kommt.
David: Der Blick über die Stadt ist faszinierend. So weit man blicken kann, sieht man nur Häuser. Hügel spicken hie und da hinaus, und die Stadt fliesst wie Wasser um sie herum.

Wenn Freunde dich heute nach Korea fragen – wie beschreibst du ihnen das Land?
Natan: Ein Land mit unglaublicher Tiefe, das durch seine sehr touristischen Orte manchmal falsch dargestellt wird. Ein Ort, den jeder mindestens einmal im Leben besuchen sollte.
Naomi: Südkorea ist ein Land, das sich erst relativ kürzlich gegenüber der übrigen Welt geöffnet hat. Dadurch wirkt es bis heute sehr authentisch – sowohl in seiner Kultur als auch in seinen Traditionen – und zeigt gleichzeitig einen beeindruckenden Kontrast zu Dienstleistungen und einem Lebensstil, der teilweise hypermodern und beinahe futuristisch ist. Dieser Gegensatz, kombiniert mit dem schnellen Lebensrhythmus, macht das Land einzigartig und unvergesslich und verspricht in jedem Moment und in jeder Hinsicht etwas Spannendes.
Es ist eine wunderbare Balance zwischen dem Entdecken einer neuen, dennoch teilweise vertraut wirkenden Kultur und dem Erleben eines echten kulturellen Wandels – ein perfektes Umfeld, um persönlich zu wachsen und sich weiterzuentwickeln.
Und wie würdest du die Menschen beschreiben, die du in Korea getroffen hast?
Natan: Menschen mit riesigen Herzen, die bereit sind zu helfen – selbst wenn sie dich erst seit fünf Minuten kennen.
Naomi: Aus dem, was ich beobachten konnte, sind Koreanerinnen und Koreaner gegenüber Ausländerinnen und Ausländern eher zurückhaltend, zugleich aber neugierig. Diejenigen, die aktiver auf mich zugingen und das Gespräch suchten, hatten meist im Ausland studiert. Trotz dieser Zurückhaltung – die manchmal auch durch Sprachbarrieren bedingt ist – sind sie in der Regel stets hilfsbereit und helfen gerne. Ob man sich verlaufen hat, nicht weiss, wie man ein Gericht isst, oder einfach Unterstützung braucht – Koreanerinnen und Koreaner kommen auf einen zu, zeigen einem, wie es geht, und helfen weiter, selbst wenn dies ausschliesslich auf Koreanisch geschieht. Und das Interessanteste ist: Am Ende versteht man sich trotzdem immer.
David: Koreaner und Koreanerinnen sind kulturell bedingt sehr zurückhaltend und respektvoll. Teilweise sogar zu sehr, was auch zu lustigen Situationen führen kann. Einmal fragte ich einen jungen Mann, ob er ein Foto von mir machen kann. Danach hat er sich tiefer verbeugt und mehr bedankt als ich, der ich danach gefragt habe. Ansonsten ist für sie die Repräsentation sehr wichtig. Man muss gut aussehen, man muss einen guten Job haben und erwartete Überstunden machen. Man sieht sehr viele Pärchen, da auch dies ein Statussymbol ist. Mir sind die Menschen immer freundlich und neuierig begegnet. Sie wollten wissen, woher ich komme und waren immer erfreut, von der Schweiz zu hören.


Mehrere Monate im Ausland zu leben und zu arbeiten, weit weg von zu Hause, erfordert Mut. Warum würdest du diese Erfahrung anderen jungen Menschen empfehlen?
Natan: Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn man ständig Neues entdeckt. Es ist eine einzigartige Reise: Man entdeckt nicht nur eine neue Kultur, sondern auch sich selbst. Es öffnet wirklich den Blick auf die Welt.
Naomi: Ich kann diese Erfahrung von ganzem Herzen empfehlen. Es ist eine Gelegenheit, ein anderes Land, eine andere Kultur, aber auch sich selbst zu entdecken. Besonders faszinierend ist, dass die kulturellen Unterschiede zwar spürbar sind, ich mich jedoch nie so fremd gefühlt habe, dass Heimweh aufkam. Ich habe mich sehr schnell angepasst. Es ist eine wunderbare Balance zwischen dem Entdecken einer neuen, dennoch teilweise vertraut wirkenden Kultur und dem Erleben eines echten kulturellen Wandels – ein perfektes Umfeld, um persönlich zu wachsen und sich weiterzuentwickeln.
David: Wir wachsen in einer gewohnten Umgebung auf und werden unbewusst mit einer Denkweise geformt. Aus Dieser auszubrechen gibt uns die Möglichkeit, unser Weltbild mit einem Gegenstück auszudehnen und persönlich sowie beruflich zu wachsen. Gerade in jungen Jahren ist es wichtig, so etwas zu wagen, denn so kommt man als neue Person nach Hause und hat die Entscheidung, wieder zum alten zurückzukehren, oder die neuen Entwicklungen in seine Zukunft zu investieren.


Jetzt, wo du wieder in der Schweiz bist – gibt es etwas aus Korea, das du bereits vermisst?
Natan: Definitiv! Korean BBQ und Soju – haha!
Naomi: Am ersten Tag nach meiner Rückkehr aus Korea war ich sehr glücklich, meine Liebsten wiederzusehen. Drei Tage später habe ich Südkorea und Seoul bereits vermisst. Ich glaube, ich vermisse alles: die Lebensweise, den schnellen und zugleich respektvollen Rhythmus der Stadt, ihre Traditionen, ihre Kultur und ganz besonders den Blick aus der U-Bahn bei Sonnenuntergang, wenn man den Han-Fluss überquert.
David: In Seoul gibt es ein endloses Angebot an Restaurants. An jeder Strasse gibt es Essen aus dutzenden Nationen. Diese bequeme Vielfalt wird mir definitiv fehlen. Doch das Koreanische Essen am meisten. Ich zähle 찜닥Jjimdak, Korean fried Chicken, 비빔밥 Bibimbap und weitere Gerichte zu meinen Lieblingen, die ich selber zu kochen probieren muss, denn ohne sie fehlt ein Stück von mir.
Für mich war diese gemeinsame Zeit mit Naomi, Natan und David eine besonders bereichernde Erfahrung. Wir haben viel voneinander gelernt und viele Momente geteilt, die in Erinnerung bleiben. Und ich bin mir sicher, dass sie nicht nur neue Erfahrungen, sondern auch bleibende Eindrücke mit nach Hause nehmen konnten. Eindrücke, die sie noch lange begleiten werden…
