Seoul ist erst seit ein paar Wochen mein neuer Lebensmittelpunkt, und die Schweiz ist für eine Weile in die Ferne gerückt. Dennoch werden heute einige Heimatgefühle aufkommen. Gemeinsam mit Daniel werde ich zwei interessanten Persönlichkeiten aus der Schweiz begegnen: Martin Klotz – Fotograf und Sohn des renommierten Künstlers Lenz Klotz – sowie dem Basler Galeristen Gregor Muntwiler. Beide sind extra aus der Schweiz angereist, um in Korea Werke von Lenz Klotz zu präsentieren.
Unser Treffpunkt ist ein Lokal einer hier allgegenwärtigen amerikanischen Café-Kette. «Seoul ist eben doch ein bisschen grösser als Basel», meint Daniel schmunzelnd, nachdem wir eine Weile brauchten, um uns zu finden. Im Café kommen wir rasch ins Gespräch – neugierig darauf, wie die Erwartungen und Reaktionen aussehen, wenn ein Schweizer Künstler in Korea ausstellt.
Damit ein Projekt dieser Art zustande kommt, braucht es sorgfältige Vorbereitung und viel Fingerspitzengefühl. Die hinter Glas gerahmten Exponate wurden in einem Container transportiert. Der lange Transportweg und die Versicherung der wertvollen Werke verlangen nach detaillierter Organisation, wie Gregor Muntwiler erklärt. Ausgestellt werden hauptsächlich frühe Radierungen und Lithografien, zwei Ölbilder sowie späte Monotypien.
Rund drei Autostunden südlich von Seoul – für koreanische Verhältnisse keine grosse Strecke – liegt an der Westküste in Gunsang die Galerie Gonggamsonyoo. In sechs modernen Pavillons und Ausstellungsräumen werden dort sorgfältig kuratierte Werke von Lenz Klotz gezeigt.

Der Künstler war bereits in jungen Jahren bekannt. Schon vor rund 70 Jahren gelang Lenz Klotz ein internationaler Karrieresprung: In den 1950er-Jahren nahm er an einer internationalen Gruppenausstellung teil – zu einer Zeit, in der abstrakte Kunst und deren Vertreter stark kritisiert wurden.
Lenz Klotz schuf Kunst nicht der Kunst wegen. Er war weder revolutionär noch politisch, sondern wollte eine neue Art des Sehens vermitteln.
Trotz dieser frühen Aufmerksamkeit suchte er nie das Rampenlicht. „Im Gegenteil. Mein Vater war als Bauernkind sehr zurückhaltend, ruhig, fast als würde er sich hinter seiner Kunst verstecken“, erzählt Martin Klotz.
Lenz Klotz schuf Kunst nicht der Kunst wegen. Er war weder revolutionär noch politisch, sondern wollte eine neue Art des Sehens vermitteln. Man solle nicht ständig assoziativ denken, nicht immer nach dem grossen Bären oder der schönen Muse suchen. Diese Sehschule müsse man ablegen, sagt sein Sohn. Klotz wolle, dass man sich Zeit nimmt für das, was hinter dem Offensichtlichen liegt – für die Sprache der Komposition, das Flüstern der Linien. Der Prozess war ihm wichtig: Je länger man sich mit seinen Werken befasst, desto mehr Tiefe gewinnen sie. Manche erzählen Geschichten, manche enthalten einen feinen Witz, manche führen einen Dialog mit ihrem Titel.


Ich erinnere mich an meine Kunstgeschichtslehrerin, die versuchte, uns den Geist der rein assoziativen Wahrnehmung auszutreiben. Doch es ist schwierig, einer rational geschulten Gesellschaft Subjektivität beizubringen – einer Gesellschaft, die auf Tabellen und klare Erklärungen getrimmt ist. In einer Zeit, in der sachliche Perfektion nicht mehr in den Händen der Menschen liegt, könnte die kreative Welt einen Aufschwung des individuellen Ausdrucks gut gebrauchen.

Lenz Klotz war als Bauernkind sehr zurückhaltend, ruhig, fast als würde er sich hinter seiner Kunst verstecken.
Gleichzeitig war Klotz ein sehr ordentlicher Mensch. Seine Werke sind sorgfältig betitelt, datiert, nummeriert und mit Materialangaben versehen. Heute gilt er als einer der bestdokumentierten Künstler der Schweiz. «Ich schimpfte oft mit ihm und nannte ihn einen Beamtenkünstler», sagt Martin mit einem Lächeln. Vielleicht lag diese Ordnungsliebe aber auch an seiner Studentenzeit, in der er den gesamten grafischen Nachlass von Ernst Ludwig Kirchner katalogisierte.

Besonders gespannt ist man nun auf die Reaktionen der koreanischen Kunstliebhaber auf die Abstraktion von Lenz Klotz. «Koreaner haben einen anderen Zugang zur Abstraktion», meint Martin Klotz. «Sie ist tief in ihrer traditionellen Kunst und Kultur verankert. Wir sehen grosses Potenzial, eine Verbindungslinie zwischen der koreanischen und der schweizerischen Kunstwelt zu ziehen.»
Während meinem Aufenthalt in Korea besuchte ich auch die beiden wohl bedeutendsten Kunstmessen des Landes: die KIAF (Korean International Art Fair) sowie die Frieze Art Fair, eine der führenden globalen Plattformen für zeitgenössische Kunst, beide im Stadtteil Gangnam.



Nach unserem Gespräch verabschieden wir uns in verschiedene Richtungen. Mich zieht es zum Blumenmarkt im Express Bus Terminal. Vielleicht ein Sinnbild für das heutige Treffen: die wilde Natur des Menschen, die Ordnungsliebe der Kunst – beides im Kontrast und doch miteinander verflochten. Stand an Stand reihen sich die Marktstände. Kleine Blüten wachsen wild aus den Töpfen, während grosse Blumen sorgfältig nach Farbe sortiert in hölzernen Gestellen stecken. Auf dem Boden liegen zerdrückte Blätter. An einer Wand entdecke ich gekritzelte Telefonnummern und Listen.
Der Markt schliesst bereits am frühen Mittag. Das Licht wird gelöscht. Durch das milchige Glas der kleinen Fenster fällt trübe die Mittagssonne – ein stiller Abschluss eines kunstvollen Tages.

Lenz Klotz, geb. 1925 in Chur, lebte und wirkte ab den frühen 50er-Jahren bis 2017 in Basel und gilt als einer der bedeutendsten Konstruktivisten der Schweiz, der Künstlergruppe, die sich radikal der Abstraktion verschrieben hat. Er war im Gegensatz zu manchen Zeitgenossen zurückhaltend und lehrte eine neue Art des Sehens. Sein Oeuvre umfasst Ölbilder, Zeichnungen, Druckgraphiken, Collagen und Skulpturen.
Ausstellung | 29.SEP. bis 15.DEZ.2025 | “Printing techniques and monotypes”
Exhibition by Galerie Eulenspiegel Basel in cooperation with Lenz Klotz Art Collection Switzerland.
Galerie Gonggamsonyoo, Gunsan, Republik of Korea
