Haenyeo – Vorbilder für die Gleichberechtigung der Frauen

Warum sind die Taucherinnen von Jeju, welche soziale Normen brechen und das Zusammenleben von Mensch und Natur zelebrieren so einzigartig?

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Wann immer ich die Gelegenheit habe, reise ich für ein paar Tage auf die Vulkaninsel Jeju. Es gibt vieles, was man auf Jeju erkunden kann. Neben großartigen Wanderwegen wie dem Olle Gil und den vielen Cafes, welche zum Verweilen einladen faszinieren mich aber vor allem immer wieder die „Meerjungfrauen“. Mein Puls erhöht sich schlagartig, wenn ich auf dem offenen Meer vereinzelte, orangene Bojen entdecke. Doch wer sind diese „Meerjungfrauen“, welche mich so faszinieren?

Über 80% der noch aktiven Taucherinnen sind über 60 Jahre alt. | Photographer Daniel Thomas Faller

Haenyeo sind Taucherinnen, welche ohne technische Ausrüstung aus den Tiefen des Meeres entlang der Küste von Jeju Meeresfrüchte emporholen. Die meisten dieser Frauen sind inzwischen über 60 Jahre. Es gibt aber auch Haenyeo, welche noch in ihren 80-er Jahren tauchen. Als Hauptverdiener der Familie bestreiten sie ihren Lebensunterhalt mit dem Ernten von Abalonen, Seegurken, Muscheln und Hijiki-Algen. Man geht davon aus, dass Abalonen, auch See- oder Meersohren genannt, das erste Mal in der Zeit der Joseon-Dynastie (1392-1897) geerntet und zum Verzehr angeboten wurden. Doch die Geschichte der Haenyeo reicht vermutlich noch viel weiter zurück. Aufzeichnungen aus dem sechsten Jahrhundert enthalten Hinweise, dass die Arbeit der Meerfrauen, welche Muljil genannt wird, bis in die Zeit vor den Drei Reichen (57 v.Chr. bis 668 n.Chr.) zurückreicht. Damals sollen die Haenyeo im Meer nach Perlen getaucht haben. Aufgrund eines Geschenkes, welches dem damaligen König von der Zentralregierung überreicht wurde, geht man davon aus, dass dies der Anfang der Tauchkultur der Haenyeo ist.

Die Haenyeo sprechen sich ab, wo sie heute tauchen werden. | Photographer Daniel Thomas Faller
Neben dem Bitchang, einem Werkzeug zum Abkrazen der Abalonen von den Felsen, ist die Taucherbrille das wichtigste Equipment der Taucherinnen. | Photographer Daniel Thomas Faller
Haenyeo auf dem Weg zur Arbeit. | Photographer Daniel Thomas Faller

Die Arbeit der Haenyeo ist sehr anstrengend und gefährlich. Sie müssen bei jedem Tauchgang ihren Sauerstoffvorrat und die Tauchzeit selbständig kontrollieren und die Distanz zur Oberfläche richtig einschätzen. Körperliche Voraussetzungen wie eine enorme Lungenkapazität, die Fähigkeit zum Druckausgleich sowie eine hohe Kälteresistenz – Haenyeo tauchen auch in den Wintermonaten – sind daher unumgänglich. Daher tauchen die Haenyeo immer in der Gruppe und nie allein.

Hat man die Chance, die Haenyeo aus der Nähe zu beobachten, fällt einem ein spezielles Pfeifgeräusch auf, welches die Haenyeo beim Auftauchen von sich geben. Sumbisori – so nennt man dieses Geräusch – entsteht dann, wenn die Taucherinnen beim Durchbrechen der Wasseroberfläche Sauerstoff einatmen und gleichzeitig das Kohlendioxid ausatmen, welches sie sich bei ihrem Tauchgang in der Lunge angesammelt hat. Sumbisori versorgt die Haenyeo mit neuer Atemluft und ermöglicht ihnen dadurch eine lange Zeit ohne Erholungspausen zu tauchen.

Haenyeo tauchen immer mit einer Boje, der Tekak ins Wasser. | Photographer Daniel Thomas Faller
Wer geht heute wohl als Erste ins Wasser? | Photographer Daniel Thomas Faller
Haenyeo tauchen immer in der Gruppe. | Photographer Daniel Thomas Faller

Um eine möglichst ertragsreiche Ernte zu erlangen, wenden die Haenyeo unterschiedliche Arbeitstechniken an. Am meisten verbreitet ist Gotmuljil. Hierbei schwimmen die Taucherinnen vom Ufer auf das offene Meer hinaus und tauchen in der Nähe des Ufers nach Meeresfrüchten. Daneben gibt es aber auch Tage, wo die Haenyeo mit dem Boot aufs Meer hinausfahren (Baetmuljil). Suchen die Haenyo nach ganz speziellen „Leckerbissen“, segeln sie von Insel zu Insel (Nabar).

Als ausgewiesene Meeresexpertinnen und meisterhafte Taucherinnen haben sie sich über Generationen hinweg an das Meer angepasst. Diese Tradition könnte aber schon in wenigen Jahren verschwinden.

Daniel Thomas Faller

Das Tauchen hat bei den Haenyeo einen starken gemeinschaftlichen Aspekt. Über 100 sogenannte Eochongye (Haenyeo-Genossenschaften) regeln die Arbeit der Haenyeo auf der Insel Jeju. Die Eochongye haben Regeln, was die Grenzen der Fanggründe, die Qualifikation zum Fischen und die Fangmethoden- und Perioden angeht. Diese müssen streng eingehalten werden, um das Meeresökosystem zu bewahren und eine friedliche Koexistenz zu garantieren.

Während die Frauen stundenlang in den Tiefen des Meeres hart arbeiten…
…beobachten ihre Männer das Geschehen aus der Ferne. | Photographer Daniel Thomas Faller
Mühsam tragen die Taucherinnen den schweren Fang ans Ufer. | Photographer Daniel Thomas Faller

Die Taucherinnen dürfen ihre Arbeit nur in Übereinstimmung geltender Gesetze und Vorschriften leisten. Meeresfrüchte zum Beispiel dürfen erst ab einer bestimmten Grösse gefangen werden. Im Gegensatz zum Tauchen nach Meeresfrüchten ist das Sammeln von Cheoncho und Tot (Seegrass) ein Gemeinschaftsprojekt. Die Haenyeo tauchen gemeinsam nach Seegrass, trocknen dieses und verkaufen es auf dem Markt. Der Ertrag wird anschliessend untereinander aufgeteilt.

Haenyeo verfügen über ein beachtliches Wissen über das Meer und deren Lebewesen. Sie kennen die Wachstumsprozesse der Meerespflanzen und richten ihre Tauchgänge danach aus. Ihr umfassendes Wissen über das Meeresökosystem und das Verständnis vom Zusammenleben von Mensch und Natur geben sie von Generation zu Generation weiter.

Mit dem Quad geht es Richtung Markt, wo der frische Fang verkauft wird. | Photographer Daniel Thomas Faller

Als ausgewiesene Meeresexpertinnen und meisterhafte Taucherinnen haben sie sich über Generationen hinweg an das Meer angepasst. Diese Tradition könnte aber schon in wenigen Jahren verschwinden. Zu klein ist das Interesse der jungen Generation, das freie Tauchen als Beruf weiterzuführen. Noch gelten auf Jeju die Haenyeo als Vorbild für die Gleichberechtigung der Frau. Sie nehmen neben den Männern eine unabhängige Rolle in der Gesellschaft und innerhalb der Familie ein. Fragt sich nur für wie lange…

Daniel Thomas Faller

SEOUL | Korea

Daniel ist der Gründer des Schauplatz Korea Magazins, Chefredakteur und kreativer Leiter. Er ist gebürtiger Schweizer und Korea-Liebhaber, der in Seoul lebt. Daniel interessiert sich für die Geschichten und Projekte von Menschen und hat eine Leidenschaft für visuelle Kunst und Fotografie. Gerne lässt er sich von Makgeolli verführen...

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