Urban Sketching – eine globale Kunstbewegung

Warum treffen sich Menschen regelmässig zum gemeinsamen Zeichnen? Warum teilen sie ihre Skizzen online und sind weltweit in Blogs und Communitys miteinander verbunden?

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Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich an einem Sonntagmorgen wieder einmal einen Tempel in Seoul besucht. Während ich die Morgenstille und Aussicht genoss, hat mich ein etwas älterer Koreaner angesprochen und mich gefragt, ob er mich zeichnen dürfe. Nach etwa 20 Minuten kam er zurück und zeigte mir das «Kunstwerk», welches er mir stolz überreichte. Er erzählte mir, dass er ganz in der Nähe wohne und Architekt sei. Seine grosse Leidenschaft jedoch sei das Urban Sketching. Er liebe es, draussen in der Natur spontane Szenen mittels Skizzen einzufangen und festzuhalten. Er ist ein Mitglied der Urban Sketchers Seoul und er hat mich eingeladen, am nächsten Event teilzunehmen.

Seit der Gründung der Urban Sketcher Seoul mit dabei: Yong Hwan Lee 이용환. | Photographer Daniel Thomas Faller

An einem Samstag vor ein paar Wochen war es dann soweit. Auf der Homepage hiess es kurz und knapp: Myeongdong Station, Exit 3, 1030 Uhr. Und so habe ich mich auf den Weg zum Exit 3 gemacht. Meine anfängliche Befürchtung, dass ich die Urban Sketchers nicht finden, legte sich rasch. Die buntdurchmischte Gruppe, welche schon fleissig am Zeichnen war, konnte man nicht übersehen. Auch hier habe ich wieder den älteren Herrn, Lee Yong Hwan, 이용환 getroffen, welcher mich dann dem Leiter der Urban Sketchers Seoul, Charlie (Chang-Hoon) Lee 이창훈 (55), vorstellte und mich dazu einlud, ihm ein paar Fragen zu stellen.

Charlie, was genau ist Urban Sketchers?

Urban Sketchers ist eine weltweite,Bewegung. Ziel ist es, das alltägliche Leben mit Zeichnungen festzuhalten. Meistens stehen Stadtansichten im Fokus aber auch alle anderen Objekte sind interessant. Es gibt keine Vorgaben zur Motivwahl. Man bezeichnet Urban Sketiching auch als als eine Art visueller Journalismus, welcher das Leben und die Umwelt so zeigt, wie es der Künstler oder die Künstlerin im Moment des Zeichnens wahrnimmt. Auch kann unterschiedliches Zeichnungsmaterial frei verwendet verwendet werden. In der Regel werden Bleistifte, Tinte, Kohlen und Aquarelle verwendet. Jeder kann mitmachen, egal ob Architekt, Künstler oder Laie. Die Urban Sketchers Bewegung wurde 2007 von Gabriel Campanario, einem in Seattle (USA) lebender, spanischer Journalist und Illustrator ins Leben gerufen. Heute ist es eine gemeinnützige Organisation, welche das Urban Sketching fördert. So treten weltweit tausende Zeichner über soziale Netzwerke in Kontakt, ganz nach dem Motto «We show the world one drawing at a time!». Diesem Motto verpflichtet sich auch das Manifest der Organisation:

  1. Wir zeichnen unsere Beobachtung vor Ort – drinnen oder draußen.
  2. Unsere Zeichnungen erzählen die wirkliche Geschichte unserer Umgebung – dem Wohnort oder dem Reiseziel.
  3. Unsere Zeichnungen sind eine Chronik des Ortes sowie der Zeit.
  4. Wir stellen unsere Umwelt wahrhaftig dar.
  5. Wir nutzen alle verfügbaren Arten von Medien.
  6. Wir zeichnen zusammen und unterstützen einander.
  7. Wir veröffentlichen unsere fertigen Zeichnungen im Internet.
  8. Wir zeigen die Welt – Zeichnung für Zeichnung.

Wie seid ihr organsiert?

Die USK, Urban Sketchers Seoul war die dritte Ortsgruppe weltweit. Wir haben ein kleines Organisationskomitee, welches sich regelmässig trifft und jeweils den nächsten Ort definiert, an dem man sich trifft. Im Anschluss wird das Datum auf der Webseite und in den sozialen Medien publiziert.

Die Urban Sketcher Seoul sind gut organisiert. | Photographer Daniel Thomas Faller

Wo überall gibt es Urban Sketchers in Korea?

Es gibt sieben offizielle Ortsgruppen in Korea, welche sich in Seoul, Suwon, Incheon, Ulsan, Daegu, GyeongJu, and Jeju aktiv treffen. Insgesamt sind wir in Korea ungefähr eintausend aktive Urban Sketcher. Die meisten Mitglieder haben wir jedoch in Seoul.

Was muss ich für Kenntnisse mitbringen?

Das gute vorab: Es braucht keine! Jeder kann zeichnen und malen. Man bringt ein Notizbuch, Bleistift oder Tinte mit und los geht es.

Jonghee Park 박종희, das erste Mal bei den Urban Sketcher Seoul dabei. | Photographer Daniel Thomas Faller
Ein willkommener Schattenplatz mitten in der Stadt Seoul. | Photographer Daniel Thomas Faller

Das klingt sehr einfach. Doch wenn ich so dasitze, vor einem leeren weissen Papier…

Dann beginnst du intensiv mit der Beobachtung Deiner Umwelt, der Gebäude und Menschen, die du zu diesem Zeitpunkt siehst. Du startest mit dem Skizzieren, mit dem Aufzeichnen. Strich für Strich…und mit der Zeit entsteht dein persönliches Bild. Es gibt bei uns kein Gut und kein Schlecht. Denn das ist am Ende das Schöne daran, jeder kann das…

Wie bist Du zum Urban Sketching gekommen?

Zum Zeichnen bin ich vor etwa sechs Jahren gekommen. Ich erinnere mich noch sehr genau an diese Zeit. Ich war damals beruflich auf einer Geschäftsreise in Europa. In Paris habe ich interessante Zeichner kennengelernt. Ich war fasziniert von den Bildern und den Menschen, die diese gemalt haben. Anschliessend habe ich mir Stift und einen Zeichenblock organsiert und einfach damit begonnen. Ich hatte im Zeichnen und Malen überhaupt keine Vorkenntnisse.

Charlie (Chang-Hoon) Lee 이창훈 erzählt mir von seinen Erlebnissen. | Photographer Daniel Thomas Faller

Blieb es bei diesem einmaligen Versuch?

Nein, im Gegenteil. Ich wurde fast süchtig nach dieser Art von Malerei. Ich hatte mich dann zwei Jahre später an einem internationalen Symposium in Porto angemeldet. Dort haben sich Urban Sketchers aus der ganzen Welt getroffen. Man lernte auf diesem Symposium viele Menschen aus der ganzen Welt kennen und diskutierte über Bilder, Techniken und die Malerei. Ein Highlight des Symposiums – es findet jedes Jahr in einer anderen Stadt statt – ist das gemeinsame Malen. Es ist schon sehr eindrücklich und macht Spass, wenn hunderte von Menschen am gleichen Ort zum gleichen Zeitpunkt das gleiche Objekt skizzieren und malen.

Einblick in das Tagebuch von Charlie (Chang-Hoon) Lee 이창훈. | Photographer Daniel Thomas Faller

Was fasziniert dich denn so an dieser Art von Malerei?

In meinen täglichen Beruf arbeite ich sehr kopflastig. Beim Urban Sketching kann ich mich total entspannen. Ich konzentriere mich auf mein Zeichnen und meine Umwelt und vergesse dabei meinen ganzen Alltagsstress. Zudem ist das Zeichnen für mich auch eine Aufzeichnung meines Lebens, also etwas wie ein Tagebuch. Wo immer ich mich bin, sei es auf zuhause, auf Geschäftsreise im Ausland, auf dem Campingplatz oder in einem Kaffee. Mein kleines Notizbuch mit einem Stift habe ich immer dabei. Natürlich ist es aufwändiger zu zeichnen, als das Smartphone zu zücken und ein Bild zu knipsen. Dafür macht es um so mehr Spass. Ich kann sagen, Urban Sketching macht mich glücklich.

Dann hast Du vermutlich schon einige Bilder gemalt?

In den letzten Jahren ist schon so einiges zusammengekommen. Ich zähle die Bilder nicht, doch ich schätze, es sind etwa gegen zweitausend.

Eines von vielen Bildern des Künstlers Yong Hwan Lee 이용환. | Photographer Daniel Thomas Faller

Wann findet der nächste Event statt?

Die Urban Sketchers Seoul treffen sich jeweils am dritten Samstag jeden Monats. Der nächste Event ist für den 21. August 2021 geplant. Weitere Infos findet man auf unserer Webpage.

Daniel Thomas Faller

SEOUL | Korea

Daniel ist der Gründer des Schauplatz Korea Magazins, Chefredakteur und kreativer Leiter. Er ist gebürtiger Schweizer und Korea-Liebhaber, der in Seoul lebt. Daniel interessiert sich für die Geschichten und Projekte von Menschen und hat eine Leidenschaft für visuelle Kunst und Fotografie. Gerne lässt er sich von Makgeolli verführen...

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